Issue #10 zum Thema WIDERSTAND
Frist: 20.08.2026
Widerstand ist keine Randerscheinung der Geschichte. Er ist ihre Reibungsfläche. Er entsteht dort, wo Körper, Bilder, Sprache und Erinnerung sich gegen Vereinnahmung wehren. Widerstand beginnt nicht erst im offenen Protest; er zeigt sich ebenso in der Verweigerung, im Rückzug, im Überleben, in der Sichtbarkeit wie im bewussten Unsichtbaren.
Philosophisch wurde Widerstand immer wieder als Motor gesellschaftlicher Entwicklung verstanden. Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel entsteht Veränderung erst durch Konflikt und Gegensätze. Michel Foucault beschreibt Widerstand nicht als etwas außerhalb der Macht, sondern als etwas, das mitten in gesellschaftlichen Strukturen entsteht. Dort, wo Menschen kontrolliert, normiert oder unsichtbar gemacht werden, entstehen auch Gegenbewegungen. Für Albert Camus war Widerstand zudem eine ethische Frage. Er verstand ihn als Weigerung, Ungerechtigkeit widerspruchslos hinzunehmen.
In ihrer zehnten Ausgabe widmet sich frame[less] einem Begriff, der zugleich ästhetische Strategie, politische Praxis, physikalisches Prinzip und existentielle Notwendigkeit ist. Denn wir verstehen Widerstand nicht als eindeutige Haltung, sondern als Spannungsfeld. Er zeigt sich im lauten Aufbegehren ebenso wie im stillen Beharren. Er kann sichtbar sein oder verborgen bleiben. Widerstand kann befreiend wirken, aber auch scheitern, vereinnahmt werden oder selbst Teil jener Systeme sein, gegen die er sich richtet. In Kunst und Aktivismus, zwischen Archiv und Gegenwart, in öffentlicher Geste, als private Behauptung.
Die Geschichte der Kunst ist von solchen widerständigen Bildern und Praktiken durchzogen. Bereits in der Frühen Neuzeit destabilisierten Bilderstürme religiöse Machtordnungen, während Druckgrafiken neue Formen visueller Öffentlichkeit schufen. Albrecht Dürer verbreitete Bilder als Medien gesellschaftlicher Veränderung. Francisco de Goya und Jacques Callot dokumentierten die Gewalt des Krieges gegen offizielle Propaganda.
Weil diese geistes- und kulturhistorischen Narrative bis heute stark von männlichen Perspektiven geprägt sind, verstehen wir die hier aufgeführten Positionen als Einladung, jene Leerstellen sichtbar zu machen und dominante Erzählungen aktiv zu verschieben: Bei Artemisia Gentileschi wurde die Figur der Judith zum Bild radikaler Selbstermächtigung gegen patriarchale Gewalt.
Dabei interessiert uns Kunst nicht nur als Darstellung von Protest, sondern als widerständige Praxis selbst. Denn Kunst kann Sehgewohnheiten stören, kulturelle Routinen unterbrechen und neue Formen des Zusammenlebens sichtbar machen. In Moderne und Gegenwart, zeigt sich Widerstand etwa in den antiinstitutionellen Strategien des Dadaismus oder der Situationistischen Internationale, bei feministischen Medienkollektiven wie Les Insoumuses oder in den Interventionen von Pussy Riot. In queer-feministischen und aktivistischen Kontexten liegt ein besonderer Fokus auf dem Körper als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Von Lorenza Böttner bis Florentina Holzinger wird die körperliche Präsenz selbst politisch und Raum der Konfrontation mit Normen, Kontrollmechanismen und gesellschaftlichen Erwartungen.
In Zeiten globaler Krisen, autoritärer Verschiebungen und algorithmischer Kontrolle stellt sich die Frage: Welche Formen widerständiger Bilder sind heute überhaupt noch möglich? Welche Formen ästhetischer Gegenwehr entstehen angesichts algorithmischer Sichtbarkeit, KI-generierter Bilder und digitaler Verwertungslogiken? Kann Kunst widerständig bleiben, wenn Dissens längst zirkulierbare Ästhetik geworden ist? Wo eröffnen sich neue Räume visueller Autonomie und wie gehen wir damit um, wenn Semantiken und Bildpolitiken von jenen angeeignet werden, gegen die sie einst gerichtet waren – wenn Widerstand selbst zum Instrument wird?
Für die Jubiläumsausgabe von frame[less] laden wir Künstler:innen, Autor:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen dazu ein, gemeinsam ein vielstimmiges Archiv der Ungehorsamkeit zu entwerfen. Nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als offenes Spannungsfeld unserer Gegenwart.
Die Form wird den Beitragenden freigestellt. Wir freuen uns über vielfältige Formate wie theoretische, kritische und wissenschaftliche Annäherungen an das Thema, genauso wie praktische, projektbezogene Beiträge. Ebenso heißen wir interdisziplinäre und hybride Formen willkommen. Es gibt keine formalen und personenbezogenen Kriterien für die Auswahl der Beiträge. Einzig die Qualität der Abstracts und Proposals entscheidet.
Wir ermöglichen einen interdisziplinären Diskurs im Bereich Kunst, wobei wir einen offenen Kunstbegriff propagieren, der unter anderem Disziplinen wie Architektur und Design mit einbezieht. Besonders Menschen, die sich als FLINTA definieren und beziehungsweise oder BIPoC möchten wir ermutigen, sich zu bewerben.
Sende uns dein Abstract oder Projektvorhaben (maximal eine Seite) zu, in dem du kurz deine Idee beschreibst. Bis zum 20.08.2026 hast du Zeit, dich unter redaktion@framelessmagazin.de zu bewerben. Wir geben dir dann schnellstmöglich eine Rückmeldung (ca. eine Woche) und informieren dich über alle weiteren Vorgänge.