09. September 2015, Röszke, 2021 – Jonas Höschl

Die Installation 09. September 2015, Röszke untersucht die Rolle von digitalen Bildern und deren Wahrnehmung in der heutigen Gesellschaft. Sie bezieht sich auf die Ereignisse im Sommer 2015 an der EU-Außengrenze zwischen Serbien und Ungarn. Jonas Höschl dokumentierte als Fotograf und linker Aktivist die katastrophalen Zustände in einem Camp für Geflüchtete, das von der ungarischen Regierung unter Viktor Orbán abgeriegelt wurde, was zu Tumulten und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und den Geflüchteten führte.

Jonas Höschl 09. September 2015, Röszke (Ausstellungsansicht)

Zehn schwarz lackierte Stahlaufsteller, weitläufig im Ausstellungsraum verteilt, tragen Glasplatten, in die transparente Vierfarb-Siebdrucke eingebrannt sind. Es sind die Screenshots einzelner Onlineartikel, aus denen der Künstler Abbildungen hervorgehoben hat. Als gestalterisches Display erinnert diese Rahmung an die Touchscreens digitaler Endgeräte, über die wir heute hauptsächlich Medien, Nachrichten und Bilder, aber vermehrt auch Kunst rezipieren. Sie beziehen sich auf die Ereignisse im Sommer 2015 an der EU-Außengrenze zwischen Serbien und Ungarn. Der Künstler dokumentierte als Fotograf und linker Aktivist die katastrophalen Zustände in einem Camp für Geflüchtete, das von der ungarischen Regierung unter Viktor Orbán abgeriegelt wurde, was zu Tumulten und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und den Geflüchteten führte. Das Bild einer ungarischen Kamerafrau, die während dieser Unruhen nach fliehenden Menschen trat und ihnen ein Bein stellte, um sie am Weiterkommen zu hindern, ging um die Welt. Höschl selbst stand in dem Moment, in dem zahlreiche Aufnahmen entstanden, neben jener Kamerafrau und wurde somit selbst Teil der (internationalen) Rezeption dieser Momentaufnahme.

Die Aufsteller zeigen uns jene nur minimal voneinander abweichenden Aufnahmen in den unterschiedlichen Layouts verschiedener Onlinezeitungen. Hier etwa sollen rote Umkreisungen auf Details hinweisen, dort sehen wir den Playbutton für ein verlinktes Video. Das impliziert eine Vielzahl von Fragen, denn die Bedeutung der Bilder ändert sich je nach Kontext: Über welches Framing haben wir die Bilder wahrgenommen? Wie verändert sich ihre Rezeption, abhängig von solch redaktionellen Entscheidungen? Wie umfassend wird unsere Wahrnehmung globaler Ereignisse von deren medialer Aufbereitung beeinflusst? Welche Kontextualisierung kommt dem tatsächlichen Geschehen am nächsten? Kann es eine Berichterstattung geben, die dieses objektiv wiedergibt? Unklar bleibt auch, welche Rolle der Künstler im Moment der Aufnahme spielt, in welcher er sich zwischen der vermeintlichen Objektivität seiner fotojournalistischen Tätigkeit und der Position eines dem Gerechtigkeitsanspruch verschriebenen Aktivisten bewegt.1


Biografie

JONAS HÖSCHL, geboren 1995 in Regensburg, ist Konzeptkünstler und Fotograf. Für sein künstlerisches Werk, welches die Medien Druckgrafik, Sound, Video und Installation umfasst, erhielt er unter anderem den Bayerischen Kunstförderpreis für Bildende Kunst, sowie den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz für Druckgrafik. Jüngst erschienen seine beiden Kunstbücher Fade Away Medley (Das Wetter) und Politik von Medienbildern (Hatje Cantz).

Fußnoten

  1. Text frei nach „Fotografie und Engagement“ von Mira Anneli Naß aus dem Buch „Politik von Medienbildern“ (Hatje Cantz Verlag 2022)

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